Kategorie: Meine Meinung

  • 30. September 2026

    Shakespeare Company Bremen / Viel Lärm um Nichts

    Shakespeare, historisch korrekt? Mit Sicherheit nicht. Wir haben am 30. September in Lohne auch keine Aufführung „aus einem Guss“ gesehen. Was wir gesehen haben, ist ein Ensemble, das sich mit großer Kunstfertigkeit und gebührender Respektlosigkeit an dem großen Vorbild bedient. Und gerade daraus ist für mich ein ebenso intelligenter wie unterhaltsamer Theaterabend mit der Shakespeare Company Bremen entstanden.

    Das Bühnenbild denkbar sparsam: ein paar Bälle, silberne Ballons, eine Discokugel. Dafür wird mit Licht, Kostümen und Bewegung umso verschwenderischer gespielt. Zum Maskenball verwandeln fantastische bunte, glitzernde Lametta-Zottel-Kostüme die Darsteller in wilde Yetis, die zu Discomusik über die Bühne ziehen. Das Ganze erinnert eher an ein modernes Kunst-Happening als an Messina zur Zeit Shakespeares. Und obwohl die Zottelwesen unterschiedliche Farben tragen, verliere ich erstaunlich schnell vollkommen die Orientierung. Wer ist hier eigentlich wer? Ich muss genau zuhören und mir aus dem gesprochenen Text erschließen, was gerade geschieht. Ein Maskenball, bei dem die Maskierung mehr als gut funktioniert.

    Überhaupt sind Verkleidung, Rollenspiel und Verwirrung Prinzip des Abends. Die männlichen Liebenden Benedick und Claudio werden von Frauen gespielt, die Frauen Beatrice und Hero von Männern. Das erinnert mich zur Hälfte ein wenig an Shakespeares eigene Zeit, in der Frauen auf der Bühne von Männern dargestellt wurden. Vor allem aber schafft der Gegensatz zwischen Darsteller*innen- und Rollenidentitäten eine besondere Aufmerksamkeit für die vielen Geschlechterklischees, die in dem historischen Stück angelegt sind und die bis heute wirken. Da gibt ein Mann die keusche Liebende, die von einer Frau zu Unrecht der Untreue bezichtigt wird. Und die zotigen Witze, für die sich heute jedermann gerne schämen dürfte, werden mit großer Selbstverständlichkeit von Frauen gerissen. Frauen sprechen kumpelhaft über ihre Kriegserlebnisse und ihre Heldentaten, und ein Mann probiert das Hochzeitskleid.

    Dabei wird das Handwerk nicht zugunsten der Illusion verborgen. Im Gegenteil: Die Kostüme werden im laufenden Spiel auf der Bühne gewechselt, mit der Verkleidung verändern sich Körpersprache und Haltung. Man sieht nicht nur die Figuren, sondern immer auch die Schauspieler, die diese Figuren herstellen und die Kunst, mit der sie das tun – das macht mir beim Zuschauen besonderen Spaß.

    Überraschend sind auch manche Einfälle. Claudios erster Blick auf Hero – die Liebe auf den ersten Blick – geschieht natürlich in Zeitlupe – Herzkino könnte schöner kaum sein. Die Wächter sind nicht hoch zu Ross unterwegs, sondern auf Hüpfbällen. Und das mit einer erstaunlichen Fertigkeit und Sprunghöhe. Ihre Auftritte geraten zu einer slapstickartigen Performance.

    Auch sonst ist viel los auf der Bühne. Benedick und Beatrice liefern sich ihre messerscharfen Wortschlachten in einem Tempo, das mich schwindelig macht. Manchmal entsteht eine regelrechte kognitive Überladung. Während ich noch eine gemeine Spitze zu erfassen versuche, ist die nächste längst vorbeigezogen. Shakespeare ist hier nicht ehrfürchtig vorgetragener Klassiker, sondern Sprachmaterial, das mit Tempo, Körper und Komik auf das Publikum losgelassen wird. Andererseits wird es vollkommen still im Saal, als Leonato seine verleumdete Tochter Hero beklagt. Gerade nach all der Bewegung, den Farben, dem Slapstick und dem Wortwitz bekommt dieser Moment besonderes Gewicht.

    Das Licht erzählt dabei immer mit. Die Wächter treten mit Neon-Krawatten auf, die im Schwarzlicht leuchten. Wenn der Schurke Don John erscheint und seine Intrigen spinnt, wird die Bühne in ein giftgrünes Dämmerlicht getaucht. Subtil ist das nicht. Aber es hilft ungemein, die Verwechslungen des Stücks zu durchschauen – und Subtilität ist ohnehin nicht das ästhetische Programm des Abends.

    Am Ende löst sich die Spannung gleich doppelt. Nicht nur finden die Liebenden endlich zusammen. Für die letzte Szene wird auch der Geschlechtertausch aufgehoben. Endlich, möchte man da sagen, während die Frage zurückbleibt, ob es denn richtiger wäre: wenn die Frauen ihre Keuschheit bewahren müssten und die Männer zotige Witze reißen dürften. Die Verkleidung ist vorbei, das Stück am Ende. Ich frage mich auch: Was hat es denn mit der Liebe eigentlich auf sich, abseits dieser Klischees?

    Fazit

    Das alles ergibt keine Aufführung aus einem Guss. Disco und Shakespeare, Happening und Herzkino, Hüpfbälle, Slapstick und plötzlich ernstes Schauspiel stehen ziemlich ungeniert nebeneinander. Die Shakespeare Company Bremen versucht nicht, Shakespeare zu konservieren. Sie nimmt ihn als Einladung zum Spielen – intelligent, kunstfertig und mit genau der Respektlosigkeit, die eine Komödie vertragen kann. Ich kann das nur bewundern.